| „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen“ |
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Als Max Frisch, der große Schweizer Schriftsteller, ahnungsvoll 1975 (Stichwort: „Überfremdung“) diese Zeilen schrieb, deutete sich nur erst schemenhaft an, welche die Folgen jener Anwerbeabkommen von 1960 bis 1968 sowie andere Formen organisierter und geduldeter Einwanderung für die Bundesrepublik Deutschland haben könnten. Gleiches gilt auch für andere europäische Länder. Diese sowie die nächste und übernächste Generation der Fremden hat Deutschland (und viele anderen europäischen Nachbarländer) vollkommen verändert – und zwar je nach Sichtweise mehr positiv oder mehr negativ. Bei bestimmten Gruppen von Einwanderern überwogen und überwiegen – objektiv gesehen - die Nachteile erheblich die Vorteile der Einwanderung.
Dabei spielte die relativ geringe Anzahl fremder Arbeitnehmer, die die damalige DDR angeworben hatte, und die in dem wiedervereinigten Deutschland bleiben durften, keine große Rolle. Denn gerade die Herkunft der Arbeitnehmer war und ist das Problem: Fügten sich italienische (Anwerbeabkommen 1955), spanische (1960), griechische (1960), portugiesische (1964) Arbeitnehmer mehr oder weniger leicht in die deutsche Gesellschaft ein, sind die türkischen (Anwerbeabkommen 1961), arabischen (1963 Marokko und 1965 Tunesien) und teilweise die jugoslawischen (1968) Arbeitnehmer - und sehr viel mehr ihre Nachkommen - für die Bundesrepublik Deutschland ein sich immer weiter vergrößerndes Problem. Dagegen sind die kleine Anzahl von Vertragsarbeitnehmern in der DDR, die hier geblieben sind, und ihre Nachkommen keine nennenswerte Belastung, da es sich in der Mehrheit um Vietnamesen handelt, deren Anpassungsbereitschaft an hiesige Verhältnisse verhältnismäßig hoch ist.
Beschränken wir uns auf die damalige Anwerbung von Arbeitnehmern in der Bundesrepublik Deutschland: Die Ursache dafür war zum einen der dringende Wunsch der deutschen Wirtschaft nach Arbeitskräften einerseits und das dringende Bedürfnis der Regierung jener Staaten andererseits, aus denen die „Gastarbeiter“ kamen. Diese mussten irgendwie die große Anzahl meistens unqualifizierter Arbeitslosen los werden, weil die Wirtschaft ihres Landes nicht genug Arbeitsplätze bot. Außerdem erhoffte man sich durch die Überweisung dieser Arbeitnehmer kostbare Devisen, nämlich Deutsche Mark. Ferner gab es noch andere außenpolitische Gründe für die Bundesrepublik Deutschland einerseits und den Entsendestaaten – beispielsweise, um die soziale Stabilität eines EWG – oder NATO Partners sichern zu helfen – usw. Aus der ursprünglich zeitlich eng begrenzten Tätigkeit wurde durch die dauernde Verlängerungen ein Daueraufenthalt. Die deutschen Unternehmen wehrten sich nämlich dagegen, ihre gerade mühsam eingearbeiteten Arbeitskräfte wieder „hergeben“ zu müssen. Die „Rotation“ von ausländischen Arbeitnehmern wurde zwar immer wieder gefordert, jedoch nur sehr begrenzt durchgeführt und versandete zuletzt. Der faktische Daueraufenthalt der Gastarbeiter wurde dadurch noch zementiert, dass sie ihre Familien nachholten – zunächst illegal und dann geduldet. Das wurde dann später legalisiert. Da für die zahlreichen Kinder dieser Fremden Kindergeld gezahlt wurde, und zwar in Deutschland mehr als beispielsweise für Kinder von Gastarbeitern in der Türkei, holten diese nach und nach die restlichen Kinder nach Deutschland - und bei dieser Gelegenheit auch noch andere aus der Großfamilie und von den Nachbarn. Die türkischen Behörden bzw. die der anderen Herkunftsstaaten waren höchstwahrscheinlich mit entsprechenden Bescheinigungen behilflich. Der Anwerbestopp 1973 hat zwar die aktive Werbung fremder Arbeitskräfte beendet – es kamen aber bekanntlich weiter ungerufen Fremde in großer Zahl, wobei sie sich verschiedener Schlupflöcher bedienten - wie beispielsweise dem Asylrecht.
Das Interesse der Arbeitgeber an billigen Arbeitnehmern wurde in den 1960er Jahren zunächst von der Industrie bestimmt. Die Gastarbeiter arbeiteten vor allem in Bereichen, in denen schwere und schmutzige Arbeiten verrichtet werden mussten und wo das Schichtsystem, serielle Produktion und niedrige Qualifikationsformen (Fließbandarbeit) sowie Akkordlohn den Arbeitalltag bestimmten. Für die Unternehmen als Nachfrager von Arbeitskräften hatte die Rekrutierung von Gastarbeitern viele finanzielle Vorteile, weil aus ihrer Perspektive deutsche Arbeiter dieselben Arbeitskräfte nur mit erheblichen Lohnzugeständnissen angenommen hätten. Im Umkehrschluss führte die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften zu einer relativen Senkung des Lohnniveaus deutscher Arbeitnehmer.
Man kann es auch so formulieren: Die deutschen Unternehmer bedienten sich der Gastarbeiter, um deutschen Arbeitnehmern den ihnen zustehenden höheren Lohn vorzuhalten, der ihnen aufgrund der hohen Produktivitätssteigerung und der eintretenden Arbeitskräfteverknappung nach den Marktgesetzen zugefallen wäre. Bekanntlich aber war das eine der Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft, auf die sich die Arbeitgeber sonst immer berufen hatten. Dass die Gewerkschaften diesen schnöden Betrug an den von ihnen vertretenden Arbeitnehmern, der von den Unternehmervertretern und von willfährigen Politikern dann mit volkswirtschaftlichen Scheinbegründungen und Geschwafel von einer angeblichen nationalökonomischen Notlage nicht aktiver bekämpft haben, erscheint im Nachhinein ziemlich unverständlich. Dass die deutsche Gesellschaft die massiven Belastungen, die die – sagen wir es etwas freundlich - meistens ungebildeten, häufig nicht besonders integrationsfreudigen und nicht selten im Umgang sehr schwierigen (und leider auch häufig genug kriminellen) Fremden – seinerzeit und in der Gegenwart ertrug und weiter erträgt, hängt sicherlich mit unserer schlimmen Vergangenheit zusammen. Klagen über die Fremden wurde und wird immer wieder als Fremdenfeindlichkeit, schlimmstenfalls als Rassismus, diffamiert. Das feste Zudrücken der Augen vor der sozialen Wirklichkeit wurde zum Ausweis besonderer moralischer Qualifikation. Das ist es nämlich, was einen Gutmenschen ausmacht.
Durch die billigen und in der ersten Generation auch willigen fremden Arbeitskräfte gab es für die Unternehmen einen geringeren Zwang zu entsprechenden arbeitskräftesparenden Innovationen. Außerdem brauchten sich die Unternehmer nicht um die Verbesserung der Qualität der Arbeitsbedingungen bemühen. Unmerklich führte das dann auch noch zu Einbußen in der Steigerung der Produktivität und der Humanisierung des Arbeitslebens. Erstaunlicherweise haben die deutschen Gewerkschaften das alles mit sich machen lassen. Sie waren vielleicht auch zu sehr von dem pseudosoziologischen Politikgeschwafel der jungen Generation nicht nur der Studenten sondern auch ihres eigenen Nachwuchses in Anspruch genommen, als das sie sich für die eigentlichen Aufgaben einsetzen konnten.
Gegenwärtig stellt sich die Lage so dar, dass Menschen mit „Immigrationshintergrund“ relativ zu ihrem Anteil an der erwerbsfähigen Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland den unvergleichbar höchsten Anteil von Harz IV – Empfängern aufweisen. Dabei darf nicht unterstellt werden, dass diese sich alle in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben, sondern dass ein Teil von ihnen zwar gern arbeiten möchte, aber mangels Qualifikation den Anforderungen der meisten vernünftig bezahlten Arbeitsplätzen nicht entspricht. Bekanntlich weisen erschreckend viele Kinder aus diesen „bildungsfernen“ Familien eine sehr hohe Schulabbrecherquote auf und diejenigen, die zumindest die Hauptschule abschließen konnten, sind trotzdem häufig nicht in der Lage, einer einigermaßen anspruchsvollen Berufsbildung zu entsprechen. Da mag es tröstlich sein, dass es andererseits viele jungen Menschen mit Immigrationshintergrund gibt, die es ganz ohne oder mit besonderer Hilfe geschafft haben, einen Beruf zu erlernen. Eine wachsende Zahl aus diesem Kreis studiert und ist in akademischen Berufen tätig.
Trotz dieser Erfahrungen hindert es die Arbeitgeberverbände und die ihnen nahestehende Politiker nicht, eine Zuwanderung von ausländischen Arbeitnehmern zu fordern. Natürlich sollen es qualifizierte Arbeitnehmer sein – so, wie die Wirtschaft sie jetzt braucht. Begründet wird dieses Begehren nicht nur damit, dass Wirtschaft jetzt diese Arbeitskräfte wegen der anziehenden Konjunktur nach der Wirtschaftskrise braucht, sondern dass dieses auch aufgrund der demografischen Entwicklung notwendig sei. Dass gemäß Bundesagentur für Arbeit, Stand 26.07.2010, im Juli im Bundesdurchschnitt noch 7,6 % der Arbeitnehmer ohne Arbeit waren, wird von diesen Politikern und Interessenvertretern ignoriert. Dabei müssten sie ehrlicherweise zugeben, dass diese Zahlen arg geschönt sind, da sie nicht die Kunden der Agentur für Arbeiten in bestimmten Maßnahmen umfassen, nicht die (teilweise hochqualifizierten) Frauen, die aufgrund von familiären Pflichten ihren Beruf nicht ausüben können, nicht die aus ihren Stellen gedrängten Rentner und Pensionären und nicht diejenigen, die aufgrund langer ergebnisloser Suche nach einer Arbeitsstelle resigniert haben – usw. Die Anzahl der den Unternehmen zur Verfügung stehenden qualifizierten und qualifizierbaren wirklich arbeitssuchenden Arbeitnehmer dürfte folglich weitaus höher sein und würde wahrscheinlich den gegenwärtigen Bedarf der Unternehmen decken. Natürlich müssen die Arbeitgeber zusätzlich etwas investieren und sich auch anderweitig um diese Menschen bemühen. Mehr Einsatz für die Bildung der Unqualifizierten, mehr Sorge für die Betreuung der Kinder der Frauen, die sehr gern arbeiten würden, es aber aufgrund der Betreuung für ihre Kinder nicht können, mehr Bereitschaft, älteren Menschen einen adäquaten Arbeitsplatz zu bieten, mehr Hilfe für behinderte Arbeitnehmer usw. wäre notwendig.
Ist es wirklich unangebracht, die Unternehmer an die eigenen Vertreter einer sozial inspirierten Marktwirtschaft besonders in der Vergangenheit zu erinnern? Wir kennen aus der Wirtschafts- und Sozialgeschichte große Unternehmerpersönlichkeiten, die genau das als ihre Aufgabe angesehen haben, was hier gefordert wird; nämlich, das in die eigene Hand zu nehmen, was die damalige Gesellschaft und der damalige Staat nicht geleistet haben. Sie haben in die Bildung ihrer Arbeitnehmer selbst investiert, haben den Familien ihrer Arbeiter und den Älteren geholfen – und das nicht nur aus sozialer Verantwortung sondern auch im eigenen Interesse. Dieses scheint aber sowohl einem Großteil der heutigen Unternehmern (Gott sei Dank nicht allen!) und den ihnen nahestehenden Politikern verloren gegangen zu sein. Dass der Wirtschaftsminister Brüderle sich zum Sprachrohr der Arbeitgeber gemacht hat, die passgenau qualifizierte Arbeitnehmer fordern (in diesem Fall aus dem Ausland) , die sie für eine bestimmte Zeit einsetzen können und bei Nichtgebrauch wieder entlassen können, verwundert absolut nicht. Dass Frau Minister Schavan und andere CDU - Politiker in das gleiche Horn tuten, ist bezeichnend für die gegenwärtige konzeptionslose und unchristliche Ausrichtung der Christlich Demokratischen Union. Nur die CSU hat sich öffentlich wirksam von dieser Position der Schwesterpartei abgesetzt. Die Deutsche Zentrumspartei teilt in diesem Fall die gleiche Ansicht wie die CSU.
Es ist beruhigend zu wissen, dass sich auch die Gewerkschaften und die SPD massiv gegen das Vorhaben von FDP, Teilen der CDU im Auftrag der Arbeitgeberverbände ausgesprochen haben. Dass die Grünen, an der Spitze der Herr Cem Özdemir, einem ungezügelten Zuzug von Ausländern in der Bundesrepublik Deutschland das Wort reden, verwundert in diesem Zusammenhang überhaupt nicht. Die Gewerkschaften wissen, dass die (meisten) Arbeitgeber wieder planen, die Arbeitnehmer um die lange entbehrten Lohnzuwächse zu prellen. Wie bereits schon geschehen, wollen diese Arbeitgeber den Vorteil der stark vergrößerten Nachfrage nach qualifizierten Arbeitsplätzen nutzen - aber die wahrscheinlich schweren sozialen Folgelasten wieder der Gesellschaft aufbürden. Denn: Man hat Arbeitskräfte gerufen – und es kamen Menschen.
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